Oktober 1962:  Franz Martin Schmölz

 

Es war einer der sonnigen viel zu warmen Herbsttage in Salzburg.  Der kräftige Südwind schaffte eine klare Sicht und einen makellos blauen Himmel.

Meine Vorlesungen an der im Entstehen  begriffenen Universität Salzburg begannen Anfang Oktober und eine Vorlesung „Einführung in die Politikwissenschaft“ gehalten von Franz Martin Schmölz O.P.
interessierte mich besonders. Ich nutzte den schönen Herbsttag um zu Fuß zur dieser Vorlesung,  zu spazieren.  Mittag war vorbei und nahe der Eisenbahnbrücke über die Salzach fiel mir ein Kondensstreifen auf, der nicht wie sonst üblich der Richtung Nord-Süd folgte sondern von Westen kam.  Schon damals war ich der Beigeisterung für die Luftfahrt verfallen, ich schaute somit genauer auf das silberne Dreieck, das diesen weißen Streifen von West nach Ost zog.  Ich dachte, sonderbar das ist doch eine Convair B-58, der damals modernste Bomber der USA, fähig doppelt so schnell wie der Schall zu fliegen und Atom und
Wasserstoffbomben abzuwerfen.  Gleichzeitig mit der Frage, was tut der da, dachte ich, verdammt, die Mittagsnachrichten, da haben sie doch was von einer Krise wegen Kuba erzählt?

In diesem Moment, legte sich das silberne Dreieck nach links und beschrieb ein Kreis am blauen Föhnhimmel und zog wieder nach Westen, von wo es hergekommen war.  Während dieses Manövers, dachte ich, wenn da jetzt was rausfällt, dann ist es das Ende von mir, von Salzburg und von der ganzen Welt im ersten und letzten Atomweltkrieg dieser Erde.  Aber das silberne Dreieck ohne weitere Ereignisse hinter dem Horizont im Westen verschwunden war, ging ich erleichtert in meine Vorlesung und dachte, war ein Aufklärungsflug, der halt 10 Kilometer weiter als bis zur österreichischen Staatsgrenze geflogen ist,  war eine „kleine Neutralitätsverletzung“.

Pater Franz Martin Schmölz, verspätete sich etwas, als er dann erschien war sein Gesicht kreidebleich.  Statt einer Begrüßung meinte er: 

„Ich bitte Sie, mit mir um den Frieden und die Verhinderung eines Atomkrieges zu beten.“   Alle beteten mit ihm ein Vaterunser, dann ersuchte er uns statt des vorgesehen Stoffes über die Verhängung der Blockade Kubas, dem Amerikanischen Ultimatum und den nun anlaufenden militärischen Vorbereitungen zur Durchsetzungen zu sprechen.  Er erklärte uns, er sei nicht nur Professor und Dominikanerpater sondern auch politischer Berater des damaligen Bundeskanzlers Klaus und die ihm auf diese Weise zur Verfügung gestellten Informationen ließen nur einen Schluss zu, dass ein Atomkrieg wahrscheinlich geworden sei, sollte nicht doch noch Vernunft sich durchsetzen.  Und die Vernunft könne nur von den Politikern kommen, die Militärs seien auf beiden Seiten gedrillt, das zu tun, was ihnen befohlen würde, auch  und gerade wenn es um den Einsatz von Nuklearwaffen ginge.

Langsam dämmerte mir, das silbernen Dreieck war doch kein Aufklärungsflug gewesen, sondern hatte eine tödliche Last statt der Kameras dabei.  Gott sei Dank dachte ich, hat jemand die drei Piloten an der Spitze des Dreiecks noch rechtzeitig zurückbeordert.

Viele Jahre später kam erst die ganze Wahrheit heraus, nachdem sie vorher in satirischer Form im Film „Dr. Seltsam“ dargestellt worden war: 

Präsident Kennedy konnte nur mit Mühe verhindern, dass General Curtis LeMay seine Bomber nach Cuba schickte, schlussendlich gehorchte der Bombergeneral aber. 

Was man damals nicht wusste, war:  Die sowjetischen Raketenbatterien hatten bereits die Freigabe zur Verwendung der nuklearen Sprengköpfe erhalten, sollten sie angegriffen werden.  Ein solcher Befehl wurde später nie wieder erteilt, weil er die Kontrolle der Politik über eine Kriegshandlung aufgibt.  

An Bord eines von amerikanischen Kriegsschiffen eingeschlossenen und mit Übungswasserbomben beschossenen sowjetischen U-Bootes spielten sich dramatische Auseinandersetzungen ab, als zwei der drei Offiziere an Bord wegen der zu Ende gehenden Luftreserven den Einsatz atomarer Torpedos gegen die US-Schiffe vorbereiteten.  Nur der Offizier Wassili Alexandrowitsch Archipow weigerte sich, den Abschuss freizugeben, wenn er dafür keinen ausdrücklichen Befehl aus Moskau erhielte mit der Bestätigung, dass der dritte Weltkrieg bereits ausgebrochen sei, was seine beiden Kameraden annahmen, weil die Übungsbomben von wirklichen für sie nicht zu unterscheiden waren. 
 

Robert McNamara, damals Verteidigungsminister der USA sagte später:

Wir standen so nah am nuklearen Abgrund. Und verhinderten den atomaren Schlagabtausch nicht etwa durch ein gekonntes Management, sondern durch schieres Glück. Keiner von uns begriff damals wirklich, wie nah wir am Rand der Katastrophe standen.“

 

Nicht alle sahen dies so:  Curtis LeMay bezeichnete die Ereignisse als die größte  Niederlage in der Geschichte der USA. Aber auch Fidel Castro äußert heute noch seine Enttäuschung über das Nachgeben Chruschtschows ohne vorher die Bedingungen zur Lösung des Konflikts mit Cuba festgelegt zu haben.  Fidel Castro meint, es wäre damals möglich gewesen, die Schließung des US  Stützpunktes  Guantanamo  auf Cuba durchzusetzen. (Ignacio Ramonet „Fidel Castro: Biografia a dos voces“)

Die Situation hätte sich aber leicht so entwickeln können wie der Ausbruch des ersten Weltkrieges, damals hielten sich alle an ihre „Bündnisverpflichtungen“ gebunden und zerstörten die Welt in der sie lebten.  Das ist ein Beispiel was „Gesinnungsethik“ anrichten kann, wenn sie in der Politik sich austobt.  Franz Martin Schmölz hat seine Studenten immer auf den wichtigen Unterschied von Gesinnungs- und Verantwortungsethik hingewiesen, eben so vermittelte er uns, dass Niccolo Machiavelli nicht aus Unmoral den „Fürsten“ geschrieben habe, sondern in der Politik komme es darauf an, für einen guten Ausgang zu sorgen, „nur das Beste zu wollen“ sei einfach nicht genug.

Franz Martin Schmölz hatte nicht unrecht, als er damals um Frieden betete, denn die Chancen der Vernunft standen gar nicht gut.  Wie alte Piloten in Österreich sagen:  „Der Herrgott hatte seinen Finger dazwischengehalten.“  Etwas, was in der Politik ab und zu nötig ist, denn Zufall, Missverständnisse und Böswilligkeit werfen alle Planungen über den Haufen.
Dann gelten andere Kriterien als man im Privatleben anwendet: Hätte Chruschtschow seinen Verbündeten Castro gefragt und wäre Kennedy einem fanatischen Antikommunismus gefolgt, wir wären heute nicht mehr hier.  Unser Welt wäre zerstört worden, wie im übertragen Sinn die  die des Kaisers Franz Josef, der 1914 bestürmt wurde, sich nicht in einen Krieg treiben zu lassen, er aber hielt es für ausgeschlossen vertragsbrüchig zu werden.  „Wenn wir schon zugrunde gehen müssen, dann wenigstens anständig!“ (Fred Hennings: „Solange er lebt“ Wien 1968–1971).

Noch ein Wort von Franz Martin Schmölz blieb mir immer in Erinnerung:  „Wenn Jemand eine Welt ohne Leid und Unglück verspricht:  Versetzen Sie ihm eine Ohrfeige, er ist ein Scharlatan.“   Trotzdem hielt er Karl Poppers These, der griechische Philosoph Platon sei letztlich  für den Nationalsozialismus verantwortlich schlichtweg für Unsinn, denn die modernen totalitären Staaten verwendeten zwar einige Ideen Platons, wie die ausschließlich staatliche Kindererziehung aber der wirklicher Hintergrund der modernen totalitären Diktaturen sei nicht eine Philosophie sondern eine gnostische Pseudoreligion, mit der Platon nichts zu tun gehabt hätte.  Schmölz  folgte damit seinem Lehrer Eric Voegelin.  

 

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