Nahrungsmittelhilfe, ländliche Entwicklung, die WTO

und die Gemeinsame Agrarpolitik der EU

 

Die Verbindung zwischen Nahrungsmittelhilfe, Welthandel und ländlicher Entwicklung besteht sowohl inhaltlich wie institutionell wie historisch.

 

Zur Geschichte:  GATT und WTO immer im Hintergrund:

 

Das erste Nahrungsmittelhilfeübereinkommen wurde 1967 im Rahmen der Gatt - Kennedy-Runde verhandelt und beschlossen.  Die Getreideexportländer verpflichteten sich darin zu einer jährlichen Nahrungsmittelhilfe von 4,5 Mio. Tonnen.  Dieses erste Abkommen legte den Geberländern bereits multilaterale Durchführung im Rahmen des Welternährungs- Programms nahe und es war bereits seit damals eine wichtige Quelle für die Projekte des Welternährungs- Programms.

 

Unerwartet hohe Getreideimporte der Sowjetunion in den frühen 70- Jahren brachten eine so starke Verknappung des Getreideangebots, sodass eine Nahrungsmittelkrise befürchtet und deshalb eine UN- Welternährungskonferenz 1974 einberufen wurde, die eine jährliche Nahrungsmittelhilfe von 10 Mio. Tonnen Getreide forderte.  Ein neues Getreideabkommen mit wirtschaftlich effektiven Bestimmungen zur Lagerhaltung wurde zwar 1978-1979 verhandelt, konnte aber nicht beschlossen werden.  Damit wurde das Weizenabkommen 1971 bis 1986 immer wieder verlängert.  Das Nahrungsmittelhilfeübereinkommen wurde 1980 neu beschlossen und die jährliche Minimum-Verpflichtung auf  7,6 Mio. to erhöht.  1986 wurde dieses Abkommen erneuert und die Verpflichtung mit 10 Mio. Tonnen festgesetzt.

Dieses Abkommen galt bis 1995.  Aufgrund von Beschlüssen der WTO Ministerrunde in Singapur und des Römischen Ernährungsgipfel 1996 kam es zur Neuaushandlung des Nahrungsmittelhilfeübereinkommens und zum Abschluss dieses 1999.

2004 wurde eine weitere Neuaushandlung verschoben, bis die Ergebnisse der DOHA-Runde der WTO feststünden. Das Abkommen von 1995 wurde somit verlängert und gilt auch heute noch.

 

Der Inhalt:  Hunger kann (nur?) durch Ländliche Entwicklung bekämpft werden

 

Das Nahrungsmittelhilfeübereinkommen 1995 hielt fest, dass die Nahrungsmittelhilfe vor allem dazu dienen müsse, die Armut und den Hunger der schwächsten Bevölkerungsgruppen insbesondere Frauen und Kinder in den Empfängerländern zu erleichtern.  Die Nahrungsmittelhilfe solle den ärmsten Ländern auf einer voraussehbaren und gesicherten Basis und Durchführung zu gute kommen.  Die Produktliste enthält nun nicht nur Getreide und Getreideprodukte.  Die Verpflichtung wurde mit 4,795 Mio. Tonnen und 130 Mio. € festgelegt, um Transportkosten finanzieren zu können.

Die Geberländer wurden aufgefordert, mit lokalen Aufkäufen in den Empfängerländern die Stärkung der einheimischen Landwirtschaft, ihrer Märkte und der ländlichen Entwicklung zu unterstützen.

Diese Ideen sind schon lange in Diskussion und drücken in etwa den derzeitigen internationalen Konsens in diesen Fragen aus, wie er etwa auch beim Treffen der G8 in L’Aquila Italien 2009 formuliert wurde:

 

„We see a comprehensive approach as including: increased agriculture productivity, stimulus to pre and post-harvest interventions, emphasis on private sector growth, smallholders, women and families, preservation of the natural resource base, expansion of employment and decent work opportunities, knowledge and training, increased trade flows, and support for good governance and policy reform…

…Food security is closely connected with economic growth and social progress as well as with political stability and peace. The food security agenda should focus on agriculture and rural development by promoting sustainable production, productivity and rural economic growth. At the same time, coherent policies to foster economy-wide growth, which is inclusive and environmentally sustainable, are to be pursued in conjunction with social protection mechanisms such as safety nets and social policies for the most vulnerable. Our attention to promoting access to health care and education in rural areas will substantially contribute to productivity and economic growth and, as importantly, improve nutrition and food security…

…we welcome the commitments made by countries represented at L’Aquila towards a goal of mobilizing $20 billion over three years through this coordinated, comprehensive strategy focused on sustainable agriculture development, while keeping a strong commitment to ensure adequate emergency food aid assistance.”

 

Diese Formulierungen drücken auch Erfahrungen jener Stellen aus, die praktische Entwicklungshilfe durchführen.  Unter bestimmten Voraussetzungen, vor allem jener einer staatlichen oder nichtstaatlichen relativ ehrlichen Struktur, die nach den Prinzipien von „good Government“ handelt, können Projekte der Ländlichen Entwicklung in Entwicklungsländern durchaus das leisten, was die G8 sich verspricht. 

 

„Ländliche Entwicklung“ ist jedenfalls ein positiv besetzter Begriff.  Es war somit kein Zufall, dass die EK und der Rat der Landwirtschaftsminister der EU bei der Reform der GAP diesen Begriff benutzten um eine Alternative („zweite Säule“) der Förderungen für die Landwirtschaft zu finden. 

Ob damit aber nicht ein Etikettenschwindel vorgenommen wurde?  Jedenfalls wären viele Bauern Afrikas glücklich so zu leben, wie es die europäischen Bauern vor und nach der Reform der GAP taten und noch immer tun.  Viele Maßnahmen der Ländlichen Entwicklung der GAP betreffen Förderungen die sehr wenig mit dem zu tun haben, was in den Hungergebieten dieser Erde notwendig ist. 

 

Die Organisation:  Handel, Nahrungsmittelhilfe und Ländliche Entwicklung.

 

Seit die WTO Teil der Vereinten Nationen wurde sind nun alle Aspekte des Problems unter dem Mantel der UNO in verschiedenen Organisationen beheimatet.  Die G8 sind zwar keine Organisation der UNO, haben aber mehr als deutlich gemacht, dass die alte (seit 1967!) Beziehung zwischen der Akzeptanz von Welthandelsabkommen und dem Versprechen von Nahrungsmittelhilfe weiter besteht.  Der Fortschritt liegt darin, dass die negativen Nebenwirkungen der Nahrungsmittelhilfen durch Programme der Ländlichen Entwicklung nun bekämpft werden sollen.  Positiver Nebeneffekt für die EU:  Ihre eigenen Programme zur Förderung der europäischen Landwirtschaft werden als das gleiche hingestellt, was den ärmsten Ländern gut tut und damit im Rahmen der WTO außer Streit gestellt werden sollte.

Diese Strategie, die EU-Kommissar Franz Fischler eingeführt hat, hat aber auch einen strategischen Nachteil.  Die Zahlungen der „ersten Säule“ werden immer stärker „entkoppelt“ was nicht anderes heißt, als dass sie nun mehr nicht an „objektive Kriterien“ sondern an politischen Willen und „finanzielle Möglichkeiten“ „gekoppelt“ werden.  Die Zahlungen an die europäische Landwirtschaft in der „zweiten Säule“ unterliegen nachprüfbaren Kriterien, die außerhalb der Landwirtschaft liegen, wie Regionalentwicklung oder Umwelt.  Jene politischen Gremien, die für diese Fragen zuständig sind, können sich nicht nur „einmischen“ sondern verlangen auch für die Vergabe dieser Mittel die Entscheidungsbefugnis, auf Kosten der „Landwirtschaft“, d.h. der Landwirtschaftsminister und der Bauernverbände.

 

„Es muss sich vieles ändern, damit alles beim alten bleibt“

 

Dieses Wort eines sizilianischen konservativen Aristokraten aus Lampedusas Roman „Der Leopard“ sollten sich die europäischen Agrarpolitiker in ihr Tagebuch schreiben. 

Wenn man die „Wiener Grundsätze“ vom Oktober 2009 der Landwirtschaftsminister von Österreich, Finnland, Polen, Slowenien, Slowakei, Tschechien und Ungarn  durchliest, vermisst man noch die Anwendung dieser konservativen Weisheit:

 

“Wiener Grundsätze

zur Gemeinsamen Agrarpolitik in Europa nach 2013

„Gemeinsam für unsere Bauern“

Die europäischen Bäuerinnen und Bauern versorgen 500 Millionen Menschen mit

hochwertigen Lebensmitteln und pflegen die Landschaft von 27 Nationen. Ihre

zentrale Funktion darf nicht infrage gestellt werden. Nachhaltigkeit und

Umweltgerechtigkeit sind ihr Fundament.

1. Wir bekennen uns zu einer Weiterentwicklung der europäischen

Landwirtschaft, die auf einer Gemeinsamen Agrarpolitik basiert und sich

neuen Herausforderungen stellt.

2. Wir befürworten einen gemeinschaftlichen Agrarhaushalt. Die Agrarpolitik darf

nicht renationalisiert werden. Die Bäuerinnen und Bauern brauchen stabile

Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.

3. Wir bekennen uns zu den zwei Säulen der Gemeinsamen Agrarpolitik:

mit 1. Direktzahlungen als Basisabsicherung

 und 2. Zahlungen für Mehrleistungen wie die Bewirtschaftung von Berggebieten oder biologische Bewirtschaftung und für Innovationen und Investitionen, wie die Erzeugung

erneuerbarer Energie, Urlaub am Bauernhof,... Wir brauchen aber auch eine

Weiterentwicklung, als Antwort auf die neuen gesellschaftlichen

Herausforderungen, wie Klima- und Umweltschutz und Versorgungssicherheit.

4. Wir sehen auf die europäische Landwirtschaft neue Herausforderungen

zukommen, sie reichen von wachsenden Ernteausfällen durch

Naturkatastrophen bis zu steigender Billigkonkurrenz von nichteuropäischen

Agrarproduzenten. Diese zunehmenden Risken erfordern auch in Zukunft

geeignete Sicherheitsnetze und innovative Marktsteuerungsinstrumente.

5. Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit der Bauern auf den europäischen und

globalen Märkten stärken. Wir streben für die moderne Landwirtschaft so viel

Markt wie möglich und so viel Unterstützung wie notwendig an. Wir

appellieren an die Bäuerinnen und Bauern in Europa, ihre Chancen zu nützen

und wir versprechen, ihr Partner bei diesen Bemühungen zu sein.”

 

Man könnte das auch so auffassen:  Bitte lasst alles so wie es ist!  Wenn was geändert werden muss, werden wir später darüber nachdenken! 

 

Dass andere aber schon darüber nachdenken zeigen Äußerungen von Kommissionsmitarbeitern wie dem

stellvertretenden Kabinettschef der scheidenden EU-Agrarkommissarin, Klaus-Dieter Borchardt

Bis Ende 2013 seien die EU-Zahlungen im Agrarbereich gesichert, unterstrich Borchardt. Ab dem 01.01.2014 würden aber neue Kriterien gelten. Die Kommission habe dazu bereits Arbeitsgruppen eingerichtet, ein fertiges Konzept liege allerdings noch nicht vor. Sehr wohl habe Brüssel aber grundsätzliche Überlegungen zu dieser Frage angestellt: "Mit der Einbeziehung des Europäischen Parlaments in die künftige Gestaltung der ersten Säule der GAP wird sich dieses Thema mehr denn je im gesellschafspolitischen Fokus befinden. Umso besser müssen daher diese Zahlungen an die Bauern gerechtfertigt werden", sagte Borchardt. Es sei daher ein Aufgabenkatalog für die Landwirtschaft zu erstellen. Dieser sollte aus seiner Sicht die Versorgung mit hochwertigen, sicheren Lebensmitteln, die Pflege der Kulturlandschaft, den Beitrag zum Klimaschutz und die Erhaltung lebenswerter ländlicher Räume beinhalten.
 
Die berechtigte Frage, ob man zur Weiterführung dieser Leistungen eine gemeinsame europäische Agrarpolitik brauche, sei aus Sicht der Kommission eindeutig mit Ja zu beantworten, und zwar aus zwei Gründen: Erstens würde bei einer totalen Marktliberalisierung die Produktion in die Gunstlagen abwandern, während sie in benachteiligten Gebieten bedroht werde. Zweitens würde eine Renationalisierung der Agrarpolitik zu extremen Wettbewerbs-Verzerrungen und letztendlich zu einem starken Strukturwandel führen. Gerade die Erhaltung der Berglandwirtschaft und der flächendeckenden Produktion seien der Kommission ein besonderes Anliegen.
 
GAP braucht weiterhin erste Säule
 
Auf Basis dieser Grundsätze müsse die künftige GAP gestaltet werden: "Die erste Säule der Agrarpolitik soll bleiben, aber auf eine andere Grundlage gestellt werden. Wir brauchen ab 2014 ein einheitliches System, das bedeutet, dass alle historischen Bezüge fallen sollten und die Zahlungen vollständig entkoppelt werden und außerdem WTO-konform sein müssen. Cross Compliance-Bestimmungen sollen weiter bestehen, weil sie die gesellschaftlich erwünschten Leistungen der Bauern sicherstellen, aber die Vorschriften sollen weniger kompliziert und unbürokratischer sein", erläuterte Borchardt die Überlegungen der Kommission. Die Märkte müssten künftig eine größere Rolle spielen, Marktversagen sollte aber über ein Sicherheitsnetz ausgeglichen werden. Versicherungen gegen klimatische beziehungsweise sanitäre Probleme seien vorstellbar, Einkommensversicherungen lehne die Kommission jedoch ab. Die Eigenverantwortung der Landwirte sei generell zu stärken.
 
Zweite Säule von Strukturpolitik abgrenzen
 
Die zweite Säule der GAP (Ländliche Entwicklung) werde auch ab 2014 eine große Bedeutung haben, so Borchardt.
Allerdings müsse sie stärker als bisher von der Struktur- und Regionalpolitik abgegrenzt und enger an die erste Säule herangeführt werden, um dem Agrarbereich einen möglichst hohen Anteil an den in diesem Topf befindlichen Mitteln zu garantieren.”

Darin liegt das Problem der derzeitigen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik:  Seit Fischlers Reformen in der AGENDA 2000 ist in ihr eine „Zeitbombe“ versteckt:  Der Verweis auf Kriterien außerhalb der Landwirtschaft brachte Einflussmöglichkeiten, die der Kontrolle der Bauernverbände nicht unterliegen und nach anderen auch objektiven Kriterien diskutiert werden können.  Die europäischen Bauernverbände haben es aber unterlassen, objektive Kriterien zu entwickeln, die beweisen könnten, dass die GAP genau das leistet, wofür sie angeblich da ist, nämlich durch Förderung der europäischen Landwirtschaft alle jene externen Effekte zu erzielen, die viele Probleme dieser Welt lösen helfen, wie Umweltzerstörung, Klimawandel und Hunger.  Das heißt nicht, dass es solche externen Effekte nicht gibt, sondern heißt nur, dass die europäischen Bauernverbände derzeit nur das Argument liefern, es dürfe sich nichts ändern.  Allerdings sind die europäischen Bauernverbände diesmal sehr aktiv, um noch lange vor den Entscheidungen im Rat der EU die Weichen für die Zukunft zu stellen.   Die Ergebnisse des europäischen Landwirtekongresses 2008 gingen  wörtlich in den Appell von Paris vom 10.12 2009 ein, den 22 EU Mitgliedsstaaten unterstützen. 

 

 

Das kurze Gedächtnis der G8:


 "Die Staatengemeinschaft hat sich offenbar entschieden, den Hunger von Gipfel zu Gipfel zu verwalten, statt ihn zu bekämpfen."

Rosmarie Bär von "Alliance Sud", der Arbeitsgemeinschaft der großen Schweizer Hilfswerke.

Aus dem Text der Abschlusserklärung  des Welternährungsgipfels in Rom wurde im November 2009 der Hinweis gestrichen, dass vor einem halben Jahr auf dem G8-Gipfel in L’Aquila für einen "Treuhand-Fonds der Industriestaaten gegen den Hunger" 20 Milliarden Dollar versprochen wurden. Das Budget für das Welternährungsprogramm (WFP) wurde von 6 auf 3,2 Milliarden US-Dollar gekürzt. Vor drei Monaten erst hat die Uno die Mahlzeit für eine Million Schüler und Schülerinnen in Bangladesch ersatzlos gestrichen.

Die Wirtschaftskrise werde von Großinvestoren aus reichen Ländern dazu genutzt, in armen Ländern Ackerland aufzukaufen, um die weltweite Lebensmittelproduktion kontrollieren oder auch mit Agrarsprit Höchstprofite einfahren zu können. Schon in den letzten zwei Jahren haben sie 33 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland in Afrika und Asien gepachtet oder gekauft, die nun für die lokale Versorgung fehlen. Zugleich sinken die lokalen Einkommen ständig und die Arbeitslosigkeit steigt weiter an.

Sorgen machen sich Vertreter des WFP nun um den weltweiten sozialen Frieden: "Menschen, die nicht genügend zu essen haben, revoltieren, emigrieren oder sterben." Damit sei die "Ernährungssicherheit eine Frage der nationalen Sicherheit", hieß es am Dienstag in einer Erklärung von WFP-Direktorin Josette Sheeran (dpa, 17.11.09).

Aber für Kenner des Systems ist klar:  Die G-8 Zusage wird in der Hinterhand gehalten, bis man die Zustimmung der Entwicklungsländer für die Ergebnisse der DOHA „Entwicklungsrunde“ benötigen wird. 

 

Die WTO Ministerkonferenz im Dezember 2009 bekräftigte wiederum den Willen die DOHA Runde 2010 abzuschließen:

 

“Ministers reaffirmed the need to conclude the Round in 2010 and for a stock-taking exercise to take place in the first quarter of next year. There was support for asking Senior Officials to continue to work to map the road towards that point. Gaps remain on substance and there was wide acknowledgment of the need for leadership and engagement on the remaining specific issues over the coming weeks.

 

            There was wide support for building on progress made to date. There was also support for not attempting to reopen stabilized texts. It was pointed out that while priority is being given to Agriculture …, it is important to advance on other areas on the agenda, including Services, Rules and Trade Facilitation.”        

 

Ob dieser Abschluss schon 2010 möglich ist, wird durch den Kalender der Agrarpolitiken der USA und der EU in Frage gestellt:  In den USA gilt das Agrargesetz bis 2012 und in der EU gilt die derzeitige GAP bis Ende 2013. 

Die europäischen Landwirtschaftsminister stehen dazu unter einem zusätzlichen neuen Druck:  Wie Sektionschefin Edith Klauser vom österreichischen Landwirtschaftsministerium öffentlich erklärte, sei mit der Geltung des Vertrags von Lissabon „ .... aufgrund der Mitentscheidung des EU-Parlaments mit längeren Vorlaufzeiten und Entscheidungen für die Fixierung der EU-Agrarpolitik ab 2013 zu rechnen. Daher sei es jetzt bereits an der Zeit, die Diskussion darüber zu führen und entsprechende Vorstellungen einzubringen.“
Dadurch entsteht der EU ein Nachteil in den WTO Verhandlungen.  Fischlers Strategie in der Agenda 2000, den WTO Verhandlungspartnern eine „Straßenkarte“ zum Verhandlungsziel vorzugeben, funktioniert nun nicht mehr.  Genau dieses Thema ist nun der Streitpunkt bei den Agrarverhandlungen der WTO, weil alle anderen zu wissen glauben, dass mit 31. 12. 2013 die GAP in dieser Form nicht mehr gelten wird.  Fischlers Strategie wollte verhindern, dass die EU mit 27 Mitgliedsstaaten in die Situation kommt, sich vom Fortgang der WTO-Agrarverhandlungen ihre eigenen Agrarreformen diktiert zu bekommen.  Durch den Zeitverzug bei den WTO-Verhandlungen verging Fischlers „Atempause“ für die GAP ohne Konkretes zu ereichen.  Die europäischen Bauernverbände ließen die ihnen gewährte Atempause in der Frucht verstreichen, durch neue Überlegungen Argumente gegen das derzeit erreichte zu liefern.

 

 http://www.wto.org/english/tratop_e/agric_e/negoti_e.htm

http://www.wto.org/english/news_e/news10_e/agng_21jan10_e.htm

22 EU Agrarminister trafen sich am 10.12.2009 in Paris in formulierten den Appell von Paris: 

 

„FRANKREICH (Paris) - In Frankreich haben die Landwirtschaftsminister aus 22 der 27 EU-Staaten den Erhalt einer "starken" gemeinsamen Agrarpolitik gefordert. Die Länder hätten sich zu dem "Appell von Paris" entschlossen, um zu verhindern, dass diese "strategisch" wichtige Politik für die europäischen Landwirte "verramscht" werde, sagte der französische Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire nach dem Treffen in der französischen Hauptstadt. Er räumte allerdings ein, dass die Gespräche auch unter den Kritikern der bisherigen Pläne der EU-Kommission "schwierig" seien.“

In dem "Pariser Appell" wird insbesondere zur Schaffung eines "europäischen Nahrungsmittelmodells" aufgerufen, bei dem die Vielfalt bewahrt werden soll, an der den europäischen Produzenten viel gelegen sei. Auch auf die Lebensmittelsicherheit wird großer Wert gelegt.  Jedenfalls wollten die Teilnehmer des Pariser Treffens "einen anderen Ausgangspunkt" als die Kommission. Zunächst müssten "die politischen Ziele" der Agrarpolitik geklärt werden, "bevor man das Budget festlegt".

Ein Rahmenabkommen soll den Bauern in Europa ein "stabiles Einkommen" angesichts der "steigenden Wechselhaftigkeit der Märkte" garantieren. Einen weiteren Schwerpunkt legt der Appell auf die Umweltpolitik. "Die Entwicklung der europäischen Agrarpolitik wird nachhaltig sein, oder sie wird überhaupt nicht mehr sein"

Le Maire erinnerte daran, dass Spanien während des EU-Ratsvorsitzes im ersten Halbjahr 2010 zwei Gipfeltreffen zu dem Thema veranstalten werde.

http://www.vol.at/news/politik/artikel/berlakovich-agrarpolitik-weiter-herzstueck-der-eu---pariser-appell/cn/news-20091210-03051347

                                                    

Der gemeinsame Nenner der 22 war offenbar klein:  Es soll weiter eine gemeinsame Agrarpolitik geben und EU-Geld wie bisher.  Argumente sind dafür jene, die gerade in Mode sind:  Nachhaltigkeit, Klimawandel, Ernährungssicherheit, was immer das auch heißen möge.

 

 

Blick in die Zukunft:  Klimakonferenz von Kopenhagen 2009.

 

Unabhängig davon ob diese Konferenz ein Fehlschlag war, wie man dies vor allem in Deutschland sieht, oder ein guter Anfang, wie man dies in den USA aber auch in Spanien beurteilt, kann man doch jene Strukturen an der Arbeit sehen, die auch in Zukunft sowohl in der WTO als auch in der EU wirksam sein werden. 

Sowohl in Welthandelsfragen, wie der Gemeinsamen Agrarpolitik, wie in Fragen des Klimawandels herrscht derzeit ein sub- oder pareto-optimaler Gleichgewichtszustand, der eine Beschluss zur Veränderung dieses Gleichgewichtes verhindert, selbst wenn daraus Vorteile für alle erwachsen würden.  So besehen war es sicherlich ein Erflog, dass Präsident Obama seinen chinesischen Amtskollegen überzeugen konnte, sich zu verpflichten, wenigstens im eigenen Land für eine Reduktion der Treibhausgase sorgen zu wollen. 

Bezogen auf die GAP könnte dies bedeuten, dass im Rahmen der WTO man sich verpflichten wird, keine „marktstörender Förderungen“ (z.b.:  Exportstützungen) der Landwirtschaft mehr zukommen zu lassen, dafür aber nicht mehr im Rahmen der WTO Stützungsäquivalente berechnen wird. 

Das Ergebnis von Kopenhagen scheint aber auch auszuschließen, dass der Beitrag der Landwirtschaft gegen den Klimawandel als WTO- zulässige Förderung als „gute“ Subvention definiert wird.  Im Gegenteil:  Beiträge von und Zahlungen an die europäische Landwirtschaft verbessern die sich verschlechternde Klimabilanz Europas nicht besonders. 

http://www.germanwatch.org/klima/ksi2010.pdf


Berlakovich will "Evolution statt Revolution" in der EU-Agrarpolitik


Für den Minister steht an erster Stelle, "das Budget im Agrarbereich mit Zähnen und Klauen" zu verteidigen. Für Österreich gehe es dabei nicht nur um die Gesamtsumme, die in der Finanzplanungsperiode 2014 bis 2020 für die EU-Agrarpolitik zur Verfügung stehen wird, sondern auch um den Aufteilungsschlüssel der EU-Mittel für die Ländliche Entwicklung unter den Mitgliedstaaten".
 

 


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